Kapitel 10: Beide Zuhause
(Oba doma)
Im September fing die Schule an.
Mila hatte bisher noch nie eine Schule gehabt. In Deutschland wäre sie jetzt in die erste Klasse gekommen. Hier auch. Aber hier war alles anders: die Schule lag fünf Minuten vom Hafen entfernt, sie hieß Osnovna škola, und die Lehrerin hieß učiteljica Maja. Mila hatte die Worte schon gelernt. Sie hatte einen Ranzen, der nicht in Deutschland gekauft worden war, sondern hier. Er hatte einen Delfin drauf, und Mila hatte ihn selbst ausgesucht.
Aber bevor die Schule anfing, hatte sie noch zwei Tage frei.
Am ersten dieser zwei Tage ging Mila wieder in den Garten hinter dem Haus.
Das Smilje war jetzt anders.
Im Mai war es noch grün gewesen, mit kleinen geschlossenen Knospen. Im Juni und Juli hatte es geblüht, gold und papierdünn. Jetzt, im September, war es trocken. Aber es war immer noch gold. Es war nicht braun geworden. Es war nicht gefallen. Es stand einfach dort, ganz still, in der schwachen Septembersonne, und es war noch genau so gold wie im Hochsommer.
Nona Marica kam mit einer kleinen Schere.
»Heute schneiden wir drei«, sagte sie. Sie hielt drei Finger hoch. »Eine für dich. Eine für Theo. Eine für deine BA-ka in Deutschland.«
Mila schluckte.
Sie hatte Oma seit Mai nicht mehr gesehen. Sie hatten telefoniert, aber Telefon war nicht dasselbe wie Schoß. Telefon war nicht dasselbe wie Suppe-Geruch.
Nona Marica schnitt drei Smilje-Stiele und legte sie Mila in die Hand. Drei kleine goldene Bündel.
Mila ging zurück ins Haus.
Sie holte ein Blatt Papier aus Theos Malzeug. Sie holte einen Bleistift. Sie setzte sich an den Küchentisch.
Liebe Oma, schrieb sie zuerst.
Dann hielt sie inne. Sie wusste, was sie schreiben wollte, aber es waren so viele Dinge, dass die Wörter aus dem Bleistift nicht alle gleichzeitig rauskamen.
Sie schrieb langsam.
Liebe Oma,
Ich habe drei Freunde. Eine heißt Rela, eine heißt Luna, einer heißt Val. Rela ist ein Mädchen aus dem Nachbarhaus. Luna ist eine Katze mit einem Mond auf dem Auge. Val ist ein Delfin.
Nona Marica wohnt nebenan und hat mir die Blume gezeigt, die niemals stirbt. Sie heißt Smilje. Ich schicke dir eine. Sie wird gold bleiben, immer.
Ich kann jetzt zwölf kroatische Sätze. Ich kann zählen bis zehn: jedan, dva, tri, četiri, pet, šest, sedam, osam, devet, deset.
Oma, ich hab dich lieb. Volim te. Auf Kroatisch heißt das: Ich hab dich lieb.
Ich vermisse dich. Aber ich bin nicht traurig. Es ist anders als traurig. Es ist wie zwei Dinge gleichzeitig, die beide schön sind.
Bald komme ich dich besuchen. Dann zeig ich dir mein Smilje, und du zeigst mir den Hof mit Frau Schreibers Hund.
Deine Mila
Sie las den Brief noch einmal. Sie tat ein Smilje hinein, schloss den Umschlag und schrieb mit Mamas Hilfe Omas Adresse darauf.
Am Nachmittag ging Mila ein letztes Mal zur Mauer.
Sie hatte das andere Smilje für Theo schon in seine kleine Schublade gelegt. Sein eigenes für später. Sie hatte ihres in einem winzigen Glas auf den Fensterbrett gestellt, neben Bärchen.
Theo war heute mit ihr gekommen. Er hielt ihre Hand. Luna saß schon auf der Mauer und wartete.
Mila kniete sich vor den Stein, an dem im Mai die Eidechse das erste Mal gesessen hatte.
Sie wartete.
Drei Atemzüge.
Dann kam die Eidechse hervor. Aus einer Ritze. Vielleicht war es dieselbe, vielleicht war es ihre Tochter, vielleicht war es einfach eine Eidechse, die sich eingewöhnt hatte. Mila war sich nicht sicher. Sie wollte sich auch nicht ganz sicher sein.
Sie sagte langsam und deutlich:
»Auf Wiedersehen, kleine Eidechse. — DO VI-đe-nja, gušter. — See you, lizard.«
Drei Sprachen.
Das Smilje im Garten wurde ein winziges, allerletztes Mal warm. Mila spürte es genau.
Die Eidechse blinzelte.
Sie lief nicht weg.
Theo, der das alles natürlich ganz anders verstand, weil er drei war, kniete sich auch hin und sagte mit großer Bestimmtheit: »Hallo, kleine Wurmi.«
Die Eidechse blinzelte auch ihn an.
Mila lachte.
Sie hob Theo hoch und drehte sich zur Mauer und schaute über sie hinweg auf das schmale Stück Meer, das man von hier sehen konnte. Es war noch da.
Sie wusste jetzt. Ein Zuhause war kein Ort. Ein Zuhause war das, was man kannte. Sie kannte Deutschland. Und sie kannte jetzt auch dies hier.
»Sada znam tvoje tajno ime«, flüsterte sie. Jetzt kenne ich deinen geheimen Namen.
Sie wusste nicht mehr genau, zu wem sie es sagte — zur Eidechse, zur Mauer, zur Insel, zu sich selbst.
Vielleicht zu allen vier auf einmal.
Hops sprang aus Theos Arm und fiel ins Smilje. Theo zog ihn raus. Hops roch jetzt nach Sommer und Sonne und nach etwas Warmem, das man nicht in Worte fassen kann, das aber für immer bleibt.
Genau wie das Smilje.
Genau wie sie.
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | VO-lim te | Ich hab dich lieb | I love you | | O-ba DO-ma | Beide Zuhause | Both homes | | ZA-u-vi-jek | für immer | forever | | DO VI-đe-nja | Auf Wiedersehen | goodbye | | ZBO-gom | endgültiges Auf Wiedersehen (sagt man fast nie) | final farewell (rarely said) |
Nachwort für Eltern
Dieses Buch wurde für ein sechsjähriges Kind geschrieben, das zwischen zwei Sprachen lebt. Es soll zum Vorlesen dienen — zwölf bis vierzehn Minuten pro Kapitel, ein Kapitel pro Abend, zehn Abende lang.
Wie man die Wörter liest. Die kroatischen Wörter sind mit Betonung auf der fett gedruckten Silbe markiert: GA-leb, DO-bar dan, MAČ-ka. Es ist nicht wichtig, dass die Aussprache perfekt ist — Kinder lernen durch Wiederholung, nicht durch Korrektur. Wenn das Kind ein Wort falsch sagt, einfach weiterlesen und das Wort beim nächsten Auftauchen wieder richtig vorlesen.
Der Refrain. »Sada znam tvoje tajno ime« / »Jetzt kenne ich deinen geheimen Namen« erscheint am Ende jedes Kapitels. Ab Kapitel 5 oder 6 kann das Kind ihn mitsprechen. Das ist die Seele des Buches.
Die Magie. Das Smilje (Strohblume / Immortelle / Helichrysum italicum) ist eine echte Pflanze, die auf Kroatiens Inseln wirklich gold bleibt, auch wenn man sie pflückt. Wenn ihr in Kroatien seid, könnt ihr eine zusammen suchen. Bitte nicht pflücken — sie ist geschützt. Riechen ist erlaubt und für immer.
Der Adriatische Delfin Pod. Vor Lošinj gibt es eine echte Population von Großen Tümmlern, die seit 1987 vom Plavi Svijet Institute (Blue World Institute) erforscht wird. Echte Delfine haben echte Namen.
Beide Zuhause. Wenn dieses Buch eine einzige Botschaft hat: Du musst dein altes Zuhause nicht verlieren, um ein neues zu finden. Du musst nur den geheimen Namen jeder neuen Blume lernen.
Volim te.
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