Kapitel 9: Als Nona Marica den Weg verlor
(Kad je Nona Marica izgubila put)
Es war ein Spät-August-Abend.
Die Sonne ging spät unter, und der Himmel war noch lange nach acht Uhr ein langes warmes Rosa. Die Galebs flogen zum Schlafen über die Dächer. Theo war schon im Bett. Mila putzte gerade die Zähne.
Da klopfte jemand an die Haustür. Ganz schnell. Drei kurze Schläge, dann noch drei.
Es war Marko, der Sohn von Nona Marica.
»Entschuldigung«, sagte er auf Kroatisch und auf Deutsch durcheinander. »Mama ist nicht da. Sie ist heute Nachmittag rausgegangen — Smilje schneiden — sie sagte, sie kommt gleich — aber jetzt ist es schon dunkel.«
Mama rief Papa. Papa zog sich die Schuhe an. Mila stand mit der Zahnbürste im Mund.
»Mila, du bleibst bei Theo.«
»Aber —«
»Mila.«
Mila sagte nichts mehr.
Eine Stunde später war Nona Marica noch nicht zurück.
Mila hörte die Erwachsenen draußen rufen. Sie hörte Mamas Stimme, sie hörte Markos tieferes Cello, sie hörte irgendwo Relas Mama. Aber Nona Maricas Stimme war nirgends.
Theo schlief. Mila stand am Fenster.
Sie wollte rufen. Sie wollte runterlaufen. Sie wollte Theo wachrütteln und sagen: Komm, wir gehen sie suchen. Aber Mama hatte gesagt, sie solle bleiben. Mila biss sich auf die Lippe und blieb.
Bis sie Luna sah.
Da, an der Mauer gegenüber, saß Luna.
Luna saß nicht still. Luna lief drei Schritte hin, drei Schritte her, drehte sich, schaute Mila direkt ins Fenster.
Mila wusste sofort.
»Theo«, flüsterte sie. Sie hob ihn vorsichtig aus dem Bett. Theo brummte verschlafen, aber Mila zog ihm die Sandalen an. »Wir müssen Nona finden. Komm.«
Sie schrieb auf einen Zettel: »Wir gehen Nona suchen. Mit Luna.« Sie legte ihn auf den Küchentisch.
Sie nahm Theo an die Hand.
Vor der Tür wartete schon Rela. Rela hatte ihre Schuhe falsch herum an. Sie hatte gewusst, dass Mila kommen würde.
»Luna«, sagte Mila und zeigte.
»Luna«, nickte Rela.
Die schwarze Katze mit dem Mond auf dem Auge drehte sich und lief in die kleine Steingasse. Die kale, hatte Rela das Wort beigebracht. Sie ging seitlich vom Hafen weg.
Die drei Kinder folgten.
Mila kannte die kale.
Sie hatte sie diesen Sommer hundertmal benutzt. Mit Mama zum Bäcker. Mit Rela zum Brunnen. Mit Oli abends, als sie Eis gegessen hatten. Sie kannte die zweite Abzweigung links, die zur kleinen Kapelle führte. Sie kannte die schmale Treppe, die zum alten Olivenhain hinauf ging.
Luna nahm die Treppe.
Mila zögerte einen Moment. Theo war müde. Aber Theo war drei. Er wusste noch nicht, dass Müdigkeit eine Ausrede sein kann. Er kletterte Stufe für Stufe. Mila hielt seine Hand.
Oben am Olivenhain wurde es heller. Der Mond war aufgegangen. Der dicke Spätsommer-Mond, der gold war wie das Smilje.
Luna lief weiter, durch den Hain, unter dem alten knorrigen Baum durch, den Nona Marica ihr im Juli gezeigt hatte. Der Baum war über tausend Jahre alt. Er hatte ein Loch im Stamm, in das man fast hineinkriechen konnte.
Mila ging um den Baum herum.
Da saß Nona Marica.
Sie saß ganz ruhig in einer Steinmulde. In ihrem Schoß lag ein kleines Bündel frisch geschnittenes Smilje. Sie hielt sich die linke Hand. Mila sah, dass sie ein bisschen geblutet hatte. Nichts Schlimmes, nur ein Kratzer am Finger.
»Nona?«, flüsterte Mila.
»Mila!« Nona Marica schaute auf, und ihr Gesicht war voller Falten, aber nicht voller Sorge. »Oh, draga. Bin ich froh.«
»Wir haben dich gesucht!«
»Ich weiß«, sagte Nona Marica leise. »Ich hab mich verheddert. Ich wollte zurück, aber dann — der Mond kam — und ich wollte ihn ein bisschen anschauen — und dann hatte ich vergessen, wie spät es war.« Sie lachte ein bisschen, ein altes, weiches Lachen. »Manchmal vergesse ich, dass ich keine kleine Frau mehr bin.«
Theo, der zwischen den Olivenbaumwurzeln gesessen hatte und gewartet hatte, lief plötzlich zu Nona Marica und legte den Kopf auf ihren Schoß.
Nona Marica strich ihm über die Haare.
»NE-moj se BRI-nu-ti«, sagte sie zu Theo, sehr sanft. Mach dir keine Sorgen.
Mila zog ihr Handy aus der Pulli-Tasche. Mama hatte es ihr für Notfälle mitgegeben. Sie drückte den grünen Knopf.
»Mama? Wir haben sie gefunden. Beim alten Olivenbaum.«
Sie hörte Mama im Hörer ausatmen, einmal lang, wie Luft, die einen ganzen Tag lang gehalten worden war.
Auf dem Weg zurück trug Marko Theo. Mama hielt Nona Marica am Arm. Rela ging neben Mila. Luna lief vor allen.
»Mila«, sagte Nona Marica, als sie schon fast wieder bei den Häusern waren, »ZNAJ.« Sie tippte sich an die Schläfe. »Du weißt jetzt den Weg.«
Mila nickte.
Sie wusste den Weg. Sie wusste die Namen der Straßen. Sie wusste, wo Nona gerne saß. Sie wusste, welche Treppe zum Olivenhain führte. Sie wusste, dass Luna nichts ohne Grund tat.
Sie war jemand geworden, der diese Insel kannte.
Vom Hafen kam ein leiser Ton. Eine klapa-Stimme, ein Mann, der ein altes Lied sang, zu spät am Abend, weil er nicht aufhören wollte.
Mila hörte ihn und summte mit, ganz leise. Sie kannte die Melodie. Sie hatte sie schon hundertmal gehört.
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | IZ-gu-bljen | verloren | lost | | I-de-mo KU-ći | Lass uns nach Hause gehen | Let's go home | | NE-moj se BRI-nu-ti | Mach dir keine Sorgen | Don't worry | | ZNAJ | Merke dir das! | Know! (remember it) | | KA-le | Steingasse | stone alley |
Sada znam tvoje tajno ime.
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