Kapitel 1: Das Meer riecht anders als alles andere
(More miriši drugačije od svega)
Mila hatte siebenundzwanzig Dinge auf ihrer Liste.
Nicht auf Papier. Im Kopf. Siebenundzwanzig Dinge, die sie vermissen würde: Frau Schreibers Hund. Die Treppe mit der quietschenden Stufe. Das Licht in der Küche. Oma. Die Eiche. Den Weg zur Schule. Noch die Schule selbst, obwohl die Schule manchmal doof war. Lena. Und noch Lena nochmal, das zählte doppelt.
Das Auto bog ab. Und da war das Meer.
Mila vergaß alle siebenundzwanzig Dinge auf einmal. Das machte sie wütend. Das machte sie neugierig. Das machte sie — etwas, für das sie kein Wort hatte.
Vielleicht gab es das Wort auf Kroatisch.
Papa hielt an. Neben ihr auf dem Rücksitz schlief Theo, drei Jahre alt und schwer wie Stein. Sein viel zu großer Stoffhase Hops lag auf seinem Bauch und hob und senkte sich mit jedem Atemzug. Theo hatte keine Liste. Theo war zu klein für Listen.
Glücklicher Theo, dachte Mila.
Eine Möwe schrie. Groß. Viel größer als die Tauben daheim. Daheim. Das Wort passte nicht mehr ganz.
Das neue Haus war schmal und weiß und hatte grüne Fensterläden. Davor lag ein alter Stein, ganz glatt von vielen Füßen. Eine Katze saß auf der Mauer gegenüber und schaute herüber, als hätte sie schon lange gewartet.
»So«, sagte Mama. »Wir sind da.«
Theo wachte auf. »Mama?«, brummte er, ganz weich vor Schlaf. Dann sah er aus dem Fenster, und seine Augen wurden rund. »Wassa«, sagte er und zeigte mit einem dicken Zeigefinger auf das blaue Stückchen Meer zwischen den Häusern.
»Ja, Schatz«, sagte Mama. »Das Wasser ist jetzt vor unserer Tür.«
Mila stieg aus. Die Luft traf sie zuerst — warm, salzig, und darunter etwas Würziges, das sie nicht kannte. Vielleicht eine Pflanze. Vielleicht der ganze Hügel.
Auf dem Dach des Hauses gegenüber lag ein Bündel grau-grüner Zweige zum Trocknen, ordentlich aufgereiht in der Sonne. Es roch von dort herüber, würziger als alles, was Mila kannte. Und gleichzeitig irgendwie — richtig. Als hätte das Würzige immer da sein sollen, und Deutschland hatte es nur vergessen.
Über ihr schrie wieder die Möwe.
Eine alte Frau kam aus dem Haus daneben. Sie hatte eine blaue Schürze und ein Gesicht voller Fältchen, die alle freundlich aussahen. Sie schaute zu der Möwe hinauf und sagte, ganz normal, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: »GA-leb.«
Dann lächelte sie Mila an. »Galeb.«
Mila schaute zu der Möwe. Galeb. Sie sagte es leise, nur in den Mund hinein, damit es niemand hörte. Galeb. Es klang wie das richtige Wort. Wie ein Wort, das der Vogel selbst erfunden haben könnte.
»Möwe auf Kroatisch«, erklärte Papa, der gerade Theo aus dem Auto hob.
»Ich weiß«, sagte Mila.
Und sie wusste es wirklich. Sie wusste es einfach.
Im Auto roch es nach Pappe und nach Mama. Mila kletterte zurück hinein, suchte die graue Tasche. Bärchen musste oben liegen. Bärchen lag immer oben.
Mila schaute. Ganz unten. Ganz oben. Zwischen den Büchern. Zwischen den Kissen.
Bärchen war nicht da.
In Milas Brust wurde etwas klein und hart.
»Mama?« Ihre Stimme war auch klein. »Bärchen ist weg.«
Mama hörte sofort auf, was sie tat. Mama suchte. Papa suchte. Theo lief auf seinen kleinen festen Beinen einmal um das Auto herum und brüllte »Bär! Bär! Bär!«, als würde er ihn herrufen können.
Mila stand still auf dem warmen Stein und sagte gar nichts. Manchmal, wenn man ganz still ist, hört man besser. Sie hörte ihren eigenen Atem. Sie hörte ihr eigenes Herz, das sehr laut geworden war.
Dann — endlich — lag Bärchen unten in der großen Kiste mit den Büchern, ein bisschen platt gedrückt, aber er war es. Mila drückte ihre Nase in sein Fell. Bärchen roch noch nach Deutschland. Nach dem alten Zimmer. Nach Oma.
Mila atmete langsam aus.
Die alte Frau in der blauen Schürze stand immer noch da und schaute. Sie zeigte auf sich selbst. »Marica«, sagte sie. »Nona Marica.«
»Mila«, sagte Mila.
»Ah!« Die alte Frau lächelte breit. »MI-la. Mila — to znači liebe.« Sie legte sich die Hand aufs Herz.
Mila verstand nicht alles. Aber sie verstand das Wichtigste: Ihr Name bedeutete hier etwas. Ihr Name war ein Wort, das diese Frau kannte.
Theo hatte inzwischen die Katze entdeckt. Er zeigte mit dem ganzen Arm. »Mau!«, rief er. »Mau!«
Die Katze blinzelte langsam. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder, ganz ruhig, wie eine Verbeugung.
Mila hielt Bärchen fest und schaute auf das schmale Stück Meer, das man zwischen den Häusern sehen konnte. Es war nicht verschwunden.
Es war nur kurz woanders.
Wörter, die ich heute gelernt habe
(Riječi koje sam danas naučila · Words I learned today)
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | GA-leb | Möwe | seagull | | MI-la | lieb (auch ein Name) | dear (also a name) | | NO-na | Oma (auf der Insel) | grandma | | MO-re | Meer | sea | | MAČ-ka (MATSCH-ka) | Katze | cat |
Sada znam tvoje tajno ime. — Jetzt kenne ich deinen geheimen Namen.
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