Kapitel 8: Die Nacht, in der sie auf Kroatisch träumte
(Noć u kojoj je sanjala na hrvatskom)
Es war August geworden, ohne dass Mila gemerkt hatte, wie.
Die Tage waren lang und langsam und voll Sonne. Die Zikaden — cvrčci hießen sie — sangen ab Mittag so laut, dass man sich anschreien musste, wenn man im Pinienwald lief. Die Feigen — smokve — waren weich und tropften süß, wenn man sie aufmachte. Mila hatte zwölf neue kroatische Wörter pro Woche gelernt. Mama hatte gesagt, das sei sehr viel. Sogar Mama sei beeindruckt.
An einem heißen Abend ließ Mama das Fenster offen. Es war keine bura, kein Wind überhaupt, nur eine warme Luft, die roch wie alles auf einmal: Salz, Pinien, getrocknete Kräuter, Eselsdung von dem Hügel oberhalb.
Mila lag im Bett. Bärchen lag neben ihr. Theo schlief schon fest im Nebenzimmer.
Sie schloss die Augen.
Im Traum war Mila auf einer Mauer.
Es war die Mauer hinter Nona Maricas Garten. Aber sie war länger als in Wirklichkeit. Viel länger. Sie ging immer weiter und weiter, bis ans Meer. Und dann ins Wasser hinein. Und dann unter dem Wasser weiter, ganz tief.
Vor Mila lief Luna. Luna ließ den Schwanz hochgestellt, wie eine kleine schwarze Flagge mit einem winzigen weißen Mond auf dem Auge. Manchmal drehte sie sich um und blinzelte langsam und ging weiter.
Mila lief barfuß.
Auf der Mauer wuchs Smilje, viel mehr als in Wirklichkeit, ganze Felder davon, und alle pulsierten ganz leise gold, immer im selben Rhythmus, wie ein Atmen.
Hinter Mila kam jemand. Sie drehte den Kopf.
»MI-la! Čekaj!«
Es war Rela. Rela rannte.
»Wait, Mila!«
Es war Oli. Oli rannte auch.
»Mi-ya! Mi-ya!«
Das war Theo. Theo war auf einem Esel.
Mila lachte im Traum. Im Traum konnte Theo Esel reiten. Niemand hatte je nein gesagt.
Sie kamen alle zu ihr. Rela und Oli und Theo. Sie liefen einfach mit ihr weiter auf der Mauer, und Luna lief vor ihnen, und das Smilje pulsierte unter ihren Füßen.
Vor ihnen wurde die Mauer schmäler. Eine Eidechse saß da. Genau die Eidechse vom dritten Tag, mit dem Streifen am Rücken.
Sie schaute Mila an.
Mila kniete sich hin. Sie hörte ihren eigenen Atem. Von außen, als wäre er nicht ganz ihrer.
Die Eidechse fragte etwas, ohne ein Wort.
Mila wusste, was es war.
Hast du noch Angst?
Mila atmete tief ein. Sie sagte:
»NE BO-jim se.«
Es waren kroatische Wörter, die sie tagsüber noch nicht gekonnt hatte. Aber jetzt, im Traum, kamen sie ihr aus dem Mund, als hätte sie sie immer schon gekannt.
Ich habe keine Angst.
Die Eidechse blinzelte. Dann lief sie weiter ins Smiljeland hinein, und die anderen Kinder lachten, und Luna drehte sich um und blinzelte ein letztes Mal, und —
— Mila wachte auf.
Es war noch dunkel.
Theo schnarchte leise nebenan. Im Garten unten zirpte einer der letzten Cvrčci des Tages. Er hatte vergessen, dass die Nacht da war.
Mila setzte sich im Bett auf und atmete ganz langsam.
Sie hatte etwas geträumt. Sie wusste noch alles.
Sie hatte einen Traum gehabt, in dem ihr Mund kroatische Wörter gesagt hatte, ohne dass jemand sie ihr beigebracht hatte. Sie hatte Wörter im Mund gehabt, die noch keine Lehrerin ihr gegeben hatte. Die Wörter waren einfach in ihrem Kopf gewesen. Wie Freunde, die einen Schlüssel hatten und einfach reinkamen.
Sie ging barfuß zum Fenster. Draußen war der Mond. Ganz rund, wie der weiße Fleck auf Lunas Auge.
Sie öffnete das Fenster ein bisschen mehr.
»Bok, MJE-sec«, flüsterte sie zum Mond.
Und dann, weil sie heute mutig war, sagte sie es auch in Kroatisch ohne nachzudenken:
»ZVI-jez-de.«
Sterne. Das Wort hatte Nona Marica ihr letzte Woche gezeigt, als sie auf dem Dach Smilje und Kräuter zum Trocknen hinlegten.
Mila stand am Fenster und atmete die Luft ein. In der Luft waren vier Sprachen: Deutsch, Kroatisch, Englisch und die Sprache, die nur Tiere und Mond und Meer sprachen.
Sie ging zurück ins Bett. Bärchen war noch warm von ihr. Sie kuschelte sich an ihn und schlief ein.
Am Morgen, beim Frühstück, sagte sie zu Mama:
»Mama. Ich habe geträumt. Und im Traum war eine Eidechse. Und ich konnte mit ihr reden. Auf Kroatisch.«
Mama stellte die Tasse ab.
»Wirklich, Schatz?«
»Ja. Ich hab gesagt, ich habe keine Angst. Auf Kroatisch. Ne bojim se.«
Mama schaute Mila lange an. Dann strich sie ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
»Mein liebes Mädchen«, sagte sie. »Du wächst.«
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | SAN | Traum | dream | | NE BO-jim se | Ich habe keine Angst | I am not afraid | | MJE-sec | Mond | moon | | ZVI-jez-de | Sterne | stars | | ČE-kaj! | Warte! | Wait! |
Sada znam tvoje tajno ime.
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