Kapitel 6: Das erste Mal Delfine
(Prvi put dupini)
Mila stand schon am Hafen, als Papa noch am Frühstückstisch saß.
Sie hatte ihren Badeanzug an. Einen Pulli darüber. Bärchen war eingepackt. Das kleine Stück getrocknetes Smilje hatte sie in eine extra Innentasche gelegt, damit es nicht verloren ging.
Mila hatte noch nie ein Boot gefahren. Aber heute würde sie es tun.
Theo schrie irgendwo hinter ihr jaaaa und kippte vermutlich die Marmelade um. Papa rief etwas. Mama lachte.
Vor Mila lag das Boot. Klein und blau. Auf dem Rumpf stand ein Name in altmodischer Schrift: Ribica. Fischlein.
Rela kam dazu mit einer eigenen roten Schwimmweste. Sie war schon sehr oft Boot gefahren. Mila war das anzusehen. Rela ging mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit auf den Steg, wie sie barfuß über heiße Steine ging.
Marko, Nona Maricas Sohn, hatte breite Schultern und eine Stimme, die wie ein leise gestimmtes Cello klang. Er startete den Motor. Das Boot machte putt-putt-putt-putt. Langsam wurde der Hafen kleiner.
Mila saß ganz vorne auf einer Holzbank. Theo war zwischen Mama und Papa eingeklemmt. Rela hockte vorne neben Mila wie eine kleine Königin, mit den Füßen gegen das Bug.
Das Wasser unter ihnen war erst grün. Durchsichtig grün, wie durch ein Glas Apfelsaft. Dann wurde es tiefblau, und Mila wusste: jetzt war es tief.
Sie spürte ihre Brust groß werden. Nicht aus Angst. Aus etwas anderem.
»VI-di!«, rief Rela plötzlich und packte Milas Arm. »VIDI!«
Mila sah hin.
Aus dem dunkelblauen Wasser, etwa zwanzig Meter vom Boot entfernt, hob sich eine Flosse. Eine Flosse aus Tintengrau. Sie tauchte langsam wieder ein. Dann kam noch eine. Dann ein ganzer Bogen — ein Rücken, glänzend, der sich im Wasser drehte. Ein kleiner Wasserstrahl. Das Tier atmete aus.
Mila stand still. Sie hörte ihren eigenen Atem.
»DU-pin«, flüsterte Marko hinter ihnen. »Dolphin.«
Mila hatte aufgehört zu atmen.
Ein zweiter Delfin tauchte auf. Dann ein dritter. Es waren mindestens fünf, vielleicht sechs. Sie schwammen in einer leisen Linie auf das Boot zu.
»Sie kommen näher«, sagte Mama leise. »Sie wollen schauen.«
Mila stand auf und hielt sich am Bug fest. Marko machte den Motor kleiner. Das Boot wurde fast still. Nur die Wellen klatschten leise an die Seite.
Einer der Delfine kam direkt unter Milas Seite des Bootes. Ein junger, kleinerer, mit einem kleinen Riss in der Rückenflosse. Er drehte sich auf die Seite. Sein Auge schaute nach oben. Mila schaute nach unten.
Sie schauten einander an.
Drei Sekunden vielleicht. Vielleicht vier.
Dann tauchte er ab, schwamm einen kleinen Bogen und tauchte direkt vor dem Bug wieder auf, sodass das Boot über ihm war und er unter dem Boot. Er ritt eine Welle, die das Boot machte. Er spielte.
Mila lachte. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie lachte. Theo lachte auch, weil Mila lachte. Rela lachte auch und rief: »VAL! On voli VAL-ove!« — Er liebt die Wellen!
Der Delfin hatte seinen Namen.
Mila verstand das in einer einzigen Sekunde. Der Delfin liebte Wellen. Wellen hießen val. Also hieß der Delfin Val.
Sie sagte es laut, und der Wind nahm es ihr von den Lippen und trug es übers Wasser:
»Hallo, Val. — DO-bar dan, VAL. — Hello, Val.«
Drei Sprachen.
Und das Smilje in ihrer Innentasche wurde warm. Nicht heiß. Warm. Wie ein kleiner Stein, der den ganzen Vormittag in der Sonne gelegen hat.
Val tauchte unter dem Bug ab. Er kam auf der anderen Seite wieder hoch und blies eine winzige Wasserwolke aus seinem Atemloch.
Mila hörte das Geräusch. Pfff. Wie ein winziges Lachen.
Und sie wusste Vals Geheimnis. Sie wusste es einfach.
Er wurde morgens immer als Erster wach. Vor seinen Geschwistern. Weil er die Sonne unter dem Wasser kommen sehen wollte, bevor sie über dem Wasser kam.
Auf dem Rückweg sagte niemand ein Wort. Theo war auf Mamas Schoß eingeschlafen. Papa hielt Mama fest. Marko sang leise vor sich hin, ein altes klapa-Lied, das Mila nicht verstand und doch verstand.
Rela legte ihren Kopf auf Milas Schulter.
»Sada znam tvoje tajno ime, Val«, flüsterte Mila ins Wasser hinein. Jetzt kenne ich deinen geheimen Namen.
Sie war sich sicher, dass das Meer es weitergab.
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | DU-pin | Delfin | dolphin | | VAL | Welle | wave | | VI-di! | Schau! | Look! | | PLO-vi | fährt (übers Wasser) | sails / travels by water | | SRE-tan | glücklich / froh | happy |
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