Kapitel 5: Der Mann, der Tintenfische verkauft
(Čovjek koji prodaje hobotnice)
Der Fischmarkt machte um sechs Uhr morgens auf. Das war für Mila zu früh. Aber wenn man nicht zur Eröffnung kam, sagte Nona Marica, dann nahm jemand anderes die besten Fische.
Also stand Mila um halb sechs auf, zog Sandalen an, und Mama nahm sie und Rela mit. Theo durfte zu Hause bei Papa bleiben und schlafen. Theo war noch nicht alt genug für den Fischmarkt. Mila war alt genug.
Das fühlte sich groß an.
Der Markt war ein langer Tisch aus blauen Kacheln. Er lag direkt am Hafen. Auf ihm lagen Fische, die Mila noch nie gesehen hatte: silbrige, rote, fast durchsichtige. Einige hatten Flossen wie kleine Federn. Es roch nach Salz und Eisen und Algen. Das Wasser aus dem Schlauch klang wie das Geräusch, das Mila gestern im Halbschlaf geträumt hatte.
Heute morgen war die bura aufgekommen. Das war ein Wind, hatte Nona Marica erklärt. Er kommt von den Bergen. Er ist kalt. Und er kommt plötzlich. Heute war er noch leicht. Aber er machte die Mützen der alten Männer wackeln und drückte gegen Milas Hosenbeine.
Rela lief vor. Sie kannte alle. Sie sagte »DO-bro JU-tro« zu einem alten Mann ohne Zähne, und der Mann grinste und tippte ihr auf den Kopf und sagte etwas, das wie ein Lied klang.
»Was hat er gesagt?«, flüsterte Mila.
»Er sagt, ich werde groß«, übersetzte Rela mit ernster Stimme. »Sehr groß.«
Mama lachte und sagte, das hätte sie auch ohne Übersetzung verstanden.
Ein bärtiger Mann in einer blauen Schürze hielt etwas in die Höhe.
Es war keine Fischform. Es war — Mila hielt die Luft an — etwas mit acht Armen, glänzend grau, mit einem Kopf, der wie ein nasser Beutel aussah, und Augen, die Mila anschauten.
»HO-bot-ni-ca«, sagte der Mann stolz, als hätte er ein Geschenk in der Hand. »Tintenfisch.«
Mila trat einen Schritt zurück.
Der Tintenfisch bewegte einen seiner Arme. Er bewegte ihn wirklich. Er war noch ein bisschen lebendig, oder zumindest so lebendig, dass es nicht aussah, als wäre er tot.
Mama legte die Hand auf Milas Schulter. »Hab keine Angst, Schatz. Das ist normal hier.«
»Ich hab keine Angst«, sagte Mila. Sie merkte selbst, dass es nicht ganz die Wahrheit war.
Der Tintenfisch schaute sie an. Mila schaute zurück. Sie versuchte sich an das Smilje zu erinnern und an die Eidechse und an die Sache mit dem Höflichsein.
»Hallo«, sagte sie sehr leise zum Tintenfisch. »Es tut mir leid, dass du nicht mehr im Wasser bist.«
Mama hörte sie und blieb still. Der Mann mit dem Bart hatte es auch gehört. Er nickte einmal, als hätte er verstanden, ohne ein einziges deutsches Wort zu kennen. Dann legte er den Tintenfisch behutsam auf eine flache Schüssel mit Eis. Nicht hart. Sanft.
»Hvala«, sagte Mila zum Mann.
»MO-lim«, antwortete der Mann. Bitte.
»KO-li-ko KOŠ-ta?«, fragte Mama auf Kroatisch und zeigte auf einen kleinen silbrigen Fisch.
Der Mann antwortete mit einer Zahl. Mama bezahlte. Mila hörte zu und versuchte die Zahlen zu unterscheiden, aber sie verlor sie unterwegs. Macht nichts. Morgen vielleicht.
Während Mama bezahlte, zog Rela Mila zum Brotstand. Auf dem Tisch lagen drei Sorten KRUH — Brot. Das eine war flach und dunkel, mit kleinen Kräutern obendrauf. Das andere war rund und weich. Das dritte lang und knusprig.
»PER-šin-Brot«, sagte Rela und zeigte auf das mit den Kräutern. »Peršin ist — diese kleine grüne Pflanze — du weißt schon.«
»Petersilie?«
»Petersilie!«, strahlte Rela. Sie hatte ein deutsches Wort gelernt.
Sie kauften das Petersilienbrot. Es war noch warm.
Auf dem Rückweg setzte sich Mila kurz auf eine Bank. Der Wind, die bura, hatte plötzlich aufgehört, als hätte jemand einen Hahn zugedreht. Es war ganz still. Die Galebs schwiegen für einen Atemzug. Das Meer schwieg auch.
In der Stille knabberte Mila vom warmen Brot. Es war salzig und grün und ein bisschen dampfig im Mund. Es schmeckte nach diesem Vormittag, nach Rela, nach dem alten Mann ohne Zähne, nach dem Tintenfisch, dem es leid getan hatte, dass er nicht mehr im Wasser war.
Mila biss noch ein Stück ab.
Aber dieses Brot war heute morgen sehr warm gewesen. Und der Geruch erinnerte plötzlich an etwas anderes. An Omas Sonntagsbrötchen. An den braunen Korb auf dem Frühstückstisch. An Butter und Honig. An die gelbe Lampe darüber, weil Sonntagmorgen in Deutschland länger dunkel waren.
Etwas in Milas Hals wurde eng. Sie weinte nicht. Aber eine einzige Träne machte sich von selbst auf den Weg, ohne zu fragen, und blieb in ihrer Wimper hängen.
Rela schaute sie von der Seite an.
Sie sagte nichts. Sie fragte nichts.
Sie rückte nur ganz langsam ein Stück näher auf der Bank, bis ihre Schulter an Milas Schulter lehnte. Eine Weile blieben sie so. Eine kleine deutsche Schulter. Eine kleine kroatische Schulter. Dazwischen ein bisschen Salz, das Mila weggewischt hatte, und ein bisschen Stille, die in der Luft hing.
»Lijepo?«, fragte Rela schließlich. Ihre Stimme war ganz weich.
Mila wusste, was das hieß. Mama hatte es ihr gestern gesagt. Lijepo: schön.
»Lijepo«, antwortete Mila. Sie sagte es leise. Es war ein anderes lijepo als sonst. Eines, das auch das andere mit hineinnahm. Das, was nicht ganz schön war, das mit der Wimper. Aber es war trotzdem lijepo.
Und dann, ganz aus dem Nichts, fing die bura wieder an, hob den Sand in kleinen Wirbeln an und blies Mila eine Brotkrume vom Kinn.
Beide Mädchen lachten gleichzeitig.
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | DO-bro JU-tro | Guten Morgen | good morning | | RI-ba | Fisch | fish | | KRUH | Brot | bread | | HO-bot-ni-ca | Tintenfisch | octopus | | LI-je-po | schön | beautiful / lovely |
Sada znam tvoje tajno ime.
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