Kapitel 7: Der Junge, der zwei Häuser hat
(Dječak s dvije kuće)
Im Hafen lag plötzlich ein neues Boot.
Es war ein Segelboot, kleiner als die Fähren, größer als die Fischerboote, weiß mit einer hellroten Linie. Auf dem Heck stand ein Name in zwei Sprachen: Sirena / Sirena. Auf Englisch und Kroatisch klang das Wort fast gleich. Es bedeutete Meerjungfrau. Das hatte Mila gerade gelernt.
Auf dem Boot saß ein Junge.
Er war ein bisschen größer als Mila. Er hatte sandfarbene Haare und ziemlich braune Beine. Er las ein Buch (auf Englisch, Mila konnte den Titel nicht lesen) und warf zwischendurch Brotkrumen ins Wasser. Kleine silbrige Fische sprangen danach.
»Das ist Olis Boot!«, rief Rela. »Er kommt jeden Sommer!«
Mila schaute den Jungen an. Der Junge schaute auf, als hätte er gespürt, dass er angeschaut wurde. Er klappte sein Buch zu, sprang barfuß auf den Steg und kam herüber.
»Hello«, sagte er. »Are you new here?«
Mila wusste nicht, wo sie ihre Hände hinlegen sollte.
»My — my name — Mila«, sagte sie. Es war das Englisch, das sie aus dem Kindergarten kannte. Es war nicht viel.
»Oliver«, sagte der Junge. »But everyone calls me Oli.«
»O-li«, sagte Rela.
»O-li«, wiederholte Mila. Das war einfach.
Der Junge lachte. Er lachte ohne Grund. Das war erstaunlich. In Deutschland mussten Jungen einen Grund haben, um zu lachen. Dieser hier nicht.
»Are you German?«, fragte er. Und dann, weil er sah, dass Mila ihn nicht ganz verstand, sagte er es noch einmal langsam und zeigte mit dem Finger auf Mila: »Deutsch. Ja?«
»Ja«, sagte Mila. Sie nickte heftig.
»Toll!« Oli drehte sich um und rief etwas zum Boot. Eine Frau auf dem Boot, mit Strohhut, winkte und antwortete in einem Mix aus etwas, das wie Englisch klang, und etwas, das wie Kroatisch klang. Mila konnte beide Sprachen jetzt unterscheiden, auch wenn sie keine ganz verstand. Das war neu.
»My mum is Croatian«, sagte Oli. »Mein — Mama — Kroatien. Mein Papa — Britisch. Wir — zwei — Häuser.« Er hielt zwei Finger hoch. »Two homes.«
Mila schaute ihn an.
Sie schaute ihn lange an.
In ihrer Brust tat etwas, das nicht weh tat. Dieser Junge hatte zwei Häuser. Genau wie sie jetzt.
»Ich auch«, sagte sie auf Deutsch. Dann zeigte sie es mit den Händen, weil sie wusste, dass er es so verstehen würde. Sie zeigte erst weit weg (»Deutschland«) und dann auf den Boden (»Hier«). »Mila — zwei — Häuser auch.«
Oli verstand. Er strahlte.
Was als Nächstes geschah, war eines der schönsten Dinge dieses Sommers.
Oli holte aus seiner Tasche ein Spiel mit drei kleinen Holzwürfeln, auf denen Tiere abgebildet waren. Er warf sie auf den Steg. Auf einem stand ein Vogel, auf einem ein Fisch, auf einem eine Katze.
»Galeb«, sagte Rela und zeigte auf den Vogel. »Möwe«, sagte Mila. »Seagull«, sagte Oli.
»Riba — Fisch — Fish«, sagten alle drei nacheinander.
»Mačka — Katze — Cat.«
Sie spielten das Spiel, bis sie sich heiser gelacht hatten. Theo, der inzwischen aufgetaucht war und an einem Eis nuckelte, fügte zu jedem Wort seine Version hinzu: »Mau! Bibba! Möhwe!«
»What did he say?«, fragte Oli, als Theo »Möhwe« rief.
»Möwe«, sagte Mila lachend. »Aber kleiner.«
»Möhwe!«, rief Theo zustimmend und klatschte.
Spät am Nachmittag, als die Sonne schon schräg auf die weißen Häuser fiel, saßen die drei Kinder auf der Mauer am Hafen. Luna war auch da. Sie saß zwischen Mila und Rela und ließ sich von beiden gleichzeitig kraulen.
Oli holte ein winziges Notizbuch aus der Tasche. Es war voll mit Wörtern. Er blätterte durch.
»I learn one word every day«, sagte er stolz. »JE-dan, DVA, TRI…«
»Eins, zwei, drei«, übersetzte Mila.
»One, two, three«, übersetzte Oli zurück.
»Jedan, dva, tri«, sagte Rela und klatschte den Rhythmus dazu.
Mila hatte plötzlich eine Idee. Sie nahm Olis Stift und schrieb in sein Notizbuch ihren ersten deutschen Satz für ihn:
»Ich heiße Mila.«
Dann schrieb Rela darunter:
»Ja sam Mirela.«
Und Oli, der bis dahin nur ein paar Wörter gemalt hatte, niemals einen ganzen Satz, schrieb darunter, sehr langsam und mit der Zunge zwischen den Zähnen:
»My name is Oliver and I am happy.«
Drei Sätze. Drei Sprachen. Eine Seite.
Mila schaute auf die Seite und dachte zum ersten Mal nicht ich vermisse Deutschland. Und auch nicht Kroatien ist anders. Sondern etwas Drittes. Etwas, das sie noch nicht in Worte fassen konnte. Aber das in ihrem Herzen stand wie eine warme Tasse.
Luna schloss die Augen.
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | JE-dan, DVA, TRI | eins, zwei, drei | one, two, three | | ZDRA-vo | Hallo / Hi | Hi | | JA SAM … | Ich heiße … | My name is … | | (Englisch) Hello | Hallo | Hello | | (Englisch) Friend | Freund | Friend |
Sada znam tvoje tajno ime.
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