Kapitel 4: Luna, die einen Mond auf dem Auge trägt
(Luna koja nosi mjesec na oku)
Heute war Mila mit Mama und Theo am Hafen. Sie hatten Eis. Theo hatte sein Eis schon halb auf dem Pyjama.
Da saß sie wieder. Die Katze.
Sie saß auf einer warmen Steinkante neben einem alten Fischerboot. Sie war schwarz wie eine kleine Nacht. Über dem linken Auge hatte sie einen weißen Fleck, klein und rund, genau wie ein Mond.
Mila vergaß ihr Eis.
Sie trat zwei Schritte näher. Die Katze schaute. Mila trat noch einen Schritt. Die Katze schaute weiter. Sie ging nicht weg. Sie kam auch nicht näher. Es war, als würde sie alles aus einem ruhigen Theater beobachten.
»Vorsicht, Schatz«, sagte Mama leise von hinten. »Manche Hafenkatzen mögen es nicht, wenn man sie anfasst.«
»Ich fasse sie nicht an«, sagte Mila. »Ich frage erst.«
Da hörte sie eine Stimme. Eine Kinderstimme.
»KA-ko se ZO-veš?«
Mila drehte sich um. Hinter ihr stand das Mädchen. Das Mädchen von der Mauer im Garten. Sie trug ein gelbes Kleid und keine Schuhe. In ihrer Hand war ein kleiner Plastikbecher voll mit getrockneten Fischflocken.
Mila wusste, dass es eine Frage war. Sie wusste nicht, was.
Das Mädchen zeigte auf sich. »Mi-RE-la.« Dann zeigte sie auf Mila. »Kako se zoveš?«
»Mila.«
»MI-la.« Mirela lachte und nickte. »Mirela. Mila. Mi-mi.« Sie verglich die Namen, als ob sie zusammengehörten. »Mirela. Aber alle sagen Rela.«
»Rela«, wiederholte Mila.
Rela strahlte. Sie zeigte auf die Katze. »LU-na«, sagte sie. »Maca. Luna.« Sie deutete auf den weißen Fleck über dem Auge. »Mond.«
»Luna«, flüsterte Mila. Mond auf dem Auge. Wie konnte ein einziges Wort gleichzeitig die Katze sein und das, was die Katze auf dem Auge trug?
Rela drückte ihr den kleinen Plastikbecher in die Hand. Dann zeigte sie Mila, was sie tun sollte. Sie hockte sich hin, ganz still, hielt eine flache Hand mit ein paar Fischflocken hin und wartete. Sie sagte nichts. Sie atmete einfach.
Mila hockte sich daneben. Sie machte es genauso. Theo war jetzt auch da, klebrig und neugierig, und Rela legte einen Finger an ihren Mund — psssst — und Theo, zur großen Überraschung aller Anwesenden, war wirklich still.
Drei Atemzüge später stand Luna auf.
Sie streckte sich — erst hinten, dann vorne, ganz lang — und ging vier kleine Schritte. Sie roch an Relas Hand, dann an Milas Hand. Dann setzte sie sich.
Sie setzte sich nicht neben Mila.
Sie setzte sich auf Milas linken Fuß.
Mila wagte nicht, sich zu bewegen. Es kribbelte in ihrer Brust, und das Kribbeln war das Gegenteil von Bauchweh.
Rela lachte leise. »Luna ti je rekla prijateljica«, sagte sie. Sie wiederholte das letzte Wort und zeigte zwischen sich und Mila hin und her. »Pri-ja-te-lji-ca. Freundin.«
»Prijateljica«, sagte Mila. Es war ein langes Wort. Es passte aber.
Theo verstand alles falsch, was er hörte. Aber alles richtig, was er fühlte. Er klatschte einmal in die Hände und rief mit großer Bestimmtheit: »MAU!«
Luna machte mit ihren Augen eine sehr lange Bewegung. Sie schloss sie ganz, ganz langsam und öffnete sie wieder. Mila wusste schon, was das hieß. Das hatte Luna ihr am ersten Tag schon beigebracht, ohne ein einziges Wort: das langsame Blinzeln war Katzenhallo. Es bedeutete: Ich sehe dich. Ich habe keine Angst.
Mila blinzelte zurück. Genauso langsam.
In der Ferne, irgendwo am Ende des Hafens, klimperte leise eine Glocke, weil ein Boot ankam. Eine alte Frau rief von einem Balkon ihr Kind herein. Ein Galeb landete auf der Mauer und stahl ein Stück Brot.
Es war ein ganz gewöhnlicher Vormittag in Mali Lošinj.
Aber Mila, die noch immer mit Lunas warmem schwarzem Bauch auf ihrem Fuß saß, dachte plötzlich:
Jetzt kenne ich deinen geheimen Namen.
Und sie sagte es laut, in den drei Sprachen, die sie jetzt zusammen hatte und auseinander noch nicht ganz: »Du heißt Luna. Ti si Luna. You are Luna.«
Das Smilje, das Mila vom Garten in der Tasche dabei hatte, fühlte sich für einen winzigen Moment warm an. Nur einen einzigen Atemzug lang. Aber es war warm.
Theo zog Mila am Pulli. »Eis«, sagte er ernst. »Pulli! Eis-Pulli!«
Rela lachte so sehr, dass sie sich auf die warme Steinkante setzen musste. Sie wischte sich Tränen aus den Augen und sagte etwas auf Kroatisch, das Mila nicht verstand. Und Mila lachte mit. Manchmal braucht man kein Wort, um zu verstehen.
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | KA-ko se ZO-veš? | Wie heißt du? | What is your name? | | JA SAM … | Ich bin … / Ich heiße … | I am … | | SJE-di | Sitz | sit | | DRA-ga | Liebe | dear | | PRI-ja-te-lji-ca | Freundin (zwei Mädchen) | friend (girl) | | PRI-ja-telj | Freund (Junge) | friend (boy) |
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