Kapitel 3: Die Blume, die niemals stirbt
(Smilje koje nikada ne umire)
Am dritten Morgen stand Mila zuerst auf.
Theo schlief noch. Mama schlief noch. Papa war schon mit dem Telefon im Garten. Mila zog Sandalen an. Dann ging sie barfuß raus, weil sie die Sandalen sofort wieder vergaß. Der Stein vor dem Haus war noch kühl. Der Stein an der Mauer war schon warm. Die Sonne war erst wenige Finger über dem Horizont.
Ein Galeb schrie weit weg. Mila hob die Hand zum Mund und rief leise: »Bok, MO-re!« — Hallo, Meer. Sie hatte gestern entdeckt, dass bok einfach hallo hieß. Es war das einfachste Wort, das es gab.
Das Meer antwortete nicht. Aber es machte sein leises schhh, schhh, schhh.
Hinter dem Haus stand eine kleine Holzpforte einen Spalt offen. Mila hatte sie nie zuvor gesehen.
Sie schob den Spalt etwas weiter auf. Und dahinter lag ein Garten.
Es war kein Garten wie in Deutschland. Kein Rasen. Keine Beete. Stattdessen eine Mauer. Aus grauen Steinen, einer auf den anderen, ohne Mörtel. Ganz alt. Ganz lebendig. Aus den Ritzen wuchs etwas Silbergrünes mit blau-violetten Blüten und einem starken, frischen Geruch. Und überall, an den heißen Stellen, wo die Sonne schon hinkam, leuchteten kleine gelbe Knöpfe. Sie sahen aus wie Stroh und wie Gold zur gleichen Zeit.
Nona Marica war auch im Garten. Sie kniete vor einem Busch und schnitt mit einer kleinen Schere etwas ab. Sie sah Mila und nickte. Ohne sich zu erschrecken. Als hätte sie auf sie gewartet.
»KA-du-lja«, sagte sie und hielt einen Zweig hoch. Die Blätter waren weich und silbrig wie Mäuseohren. »Salbei.«
Mila roch daran. Sie roch nach Suppe und nach Tee und nach etwas Wildem.
»Kadulja«, wiederholte Mila. Es kam ihr aus dem Mund, als hätte sie es schon mal gesagt.
»HVA-la, Mila.«
»Hvala«, sagte Mila zurück. Sie wusste schon, dass es Danke hieß. Das war das zweite Wort, das sie gestern bekommen hatte.
Ein leises Schaben kam von der Mauer auf der anderen Seite.
Mila drehte den Kopf langsam.
Über die Steine spähte ein Kindergesicht. Ein Mädchen, etwa so groß wie sie, mit dunklen, lockigen Haaren und großen braunen Augen, die nicht erschraken, sondern einfach schauten. Mila schaute zurück.
Drei lange Atemzüge lang sagte keine etwas.
Dann verschwand das Gesicht wieder hinter der Mauer.
Aber Mila hatte gesehen, dass es gelächelt hatte, gerade bevor es weg war.
Nona Marica zeigte mit einem alten Finger auf die kleinen gelben Knöpfe. »SMI-lje«, sagte sie.
Mila kniete sich neben sie. Die Blümchen waren winzig. Papierdünn, trocken, fast als wären sie schon gepflückt worden. Aber sie wuchsen lebendig aus den Felsritzen.
»Smilje«, flüsterte Mila.
»Ne umire«, sagte Nona Marica und schüttelte sanft den Kopf. Sie suchte nach den deutschen Wörtern. »Sie — stirbt nicht. Auch nicht, wenn man sie pflückt. Sie bleibt gold. Immer.«
Mila streckte einen Finger aus. Sie berührte eine der Blüten, ganz leicht. Ihr Finger roch hinterher nach Sommer und nach etwas Warmem, das sie nicht benennen konnte.
In diesem Moment fiel ein Schatten über den Stein. Ein winziger Schatten.
Mila sah hin.
Auf dem Stein neben dem Smilje saß eine Eidechse. Grün-gold mit einem dunklen Streifen am Rücken. Sie schaute Mila an.
»GUŠ-ter«, flüsterte Nona Marica, ohne sich zu bewegen.
Mila wusste das Wort schon. Sie hatte es gestern Abend an der Wand gesehen, im Zimmer.
Sie atmete tief ein. Ihre Großmutter in Deutschland hatte einmal gesagt: Wenn du einem Tier Hallo sagst, sag es höflich, in seiner eigenen Sprache. Mila hatte das damals nicht ganz verstanden. Jetzt verstand sie.
Sie sah die Eidechse an und sagte langsam, ganz deutlich:
»Hallo, kleine Eidechse. — DO-bar dan, GUŠ-ter. — Hello, lizard.«
Drei Sprachen. Drei Mal denselben Gruß.
Und dann pulsierte das Smilje neben ihrer Hand. Ganz kurz. Golden. Wie wenn man eine Lampe einen Atemzug lang an- und ausmacht.
Mila hatte es nicht geträumt. Das wusste sie ganz sicher.
Die Eidechse blinzelte.
Dann lief sie nicht weg.
Sie blieb sitzen. Ihr kleiner Bauch hob und senkte sich. Und Mila wusste plötzlich, einfach so, ohne dass jemand es ihr gesagt hätte: Die Eidechse hatte ihren Lieblingsstein. Genau diesen. Weil er morgens zuerst warm wurde und abends zuletzt kalt.
Das war das Geheimnis.
Mila schloss kurz die Augen. Ihre Brust war voller Sonne.
»Hvala«, flüsterte sie der Eidechse zu. »Hvala.«
Hinter ihr, von der anderen Seite der Mauer, kam ein winziges, atmendes Lachen. Das Mädchen hatte zugehört.
Theo erschien an der Pforte, in seinem Pyjama, Hops im Arm. Er sah die kleinen gelben Blumen und sagte mit der ganzen Würde eines Dreijährigen: »Bonbon!«
»Nein«, sagte Mila lachend. »Das sind keine Bonbons. Das ist — das heißt — smilje.«
»Mi-ye«, versuchte Theo. »Mi-ye!«
Theo bückte sich und brach eine kleine Blüte ab, bevor Mila ihn stoppen konnte. Dann drückte er sie in seinen Mund.
»Theo!«
Aber Theo zog die Blüte sofort wieder raus, machte ein angeekeltes Gesicht (»ÄHHH!«) und gab sie Mila.
Sie war ganz nass und leicht zerdrückt. Aber sie war noch gold.
Mila hielt sie in der Hand und lachte. Die Eidechse war noch da. Und Mila wusste schon, was sie heute Abend Mama erzählen würde.
Wörter, die ich heute gelernt habe
| Kroatisch | Deutsch | Englisch | |---|---|---| | DO-bar dan | Guten Tag | good day | | SMI-lje | Strohblume / Immortelle | everlasting flower | | KA-du-lja | Salbei | sage | | HVA-la | Danke | thank you | | SUN-ce | Sonne | sun |
Sada znam tvoje tajno ime.
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